Mittwoch, 18. September 2013

Kerze im Fenster


Das erste, was ich in diesem Traum wahrgenommen habe, war das Bewusstsein in einer anderen Zeit zu sein, so etwa 1950. Ich befand mich in einer Wohnung, die in diesem Stil eingerichtet war. Die ganze Wohnung atmete die Gewissheit einer kürzlich überstandenen Not. Alle Möbel sahen arg mitgenommen aus, die Wände trugen deutliche Spuren der Abnutzung und das Licht war gedämpft, es schien von einer altmodischen Deckenlampe in den Raum, die mit 3 Armen und mit tellerförmigen, gelblichen Lampenschirmen bestückt war. In der Wohnung gab es neben mir noch mehr Bewohner, die sich leise miteinander unterhielten, aber ich habe sie nur sehr undeutlich wahrgenommen, außer einem kleinen Mädchen.

Es trug ein Kleid aus grauem Stoff, welches von einer weißen Rüschenschürze komplettiert wurde. Das Mädchen war etwa 10 Jahre alt, hatte braune Haare und eine für diese Zeit typische Pagen Frisur. Sie lächelte mich freundlich an, winkte mich auf den Korridor und flüsterte: "Ich glaub, gleich geht es wieder von vorne los." Sie deutete auf eine Tür, hinter der es anfing laut zu rumoren. Aus den Ecken der Türfüllung begann der Putz zu bröckeln und geisterhafte Geräusche drangen an mein Ohr. Da ich wusste, dass ich mich in einem Traum befand, hatte ich selbst keine Angst, aber ich wollte auch nicht, dass das freundliche Mädchen Angst bekam. Gerade wollte ich ihr beruhigend zulächeln, da öffnete sich die Tür mit einem knarrenden Geräusch. Das Mädchen ergriff meine Hand, aber statt dass sie mich, wie erwartet, so weit wie möglich von dieser Tür wegziehen würde, zog sie mich hinein in den Raum, in dem offenbar ein Poltergeist wohnte. In dem Raum selbst, der sich als Rumpelkammer entpuppte, fanden sich alle alten Sachen, die eine Mittelstandsfamilie in dieser Zeit irgendwann nicht mehr brauchte.

Ein alter Puppen-, oder Kinderwagen, eine alte Nähmaschine mit Tretantrieb, allerlei Kisten und abgedeckte Möbel machten ein weiteres vordringen in den Raum so gut wie unmöglich. Das Fenster allerdings konnte ich genau sehen. Das blinde, mit einer schmutzigen und uralten Gardine verdeckte Fenster, befand sich rechterhand von mir, links ging es ziemlich weit nach hinten in den dunklen Raum, der fast bis unter die Decke mit Gerümpel vollgestopft war. Aus der oberen linken Zimmerecke erklang die ganze Zeit ein halb murmelndes, halb schmatzendes Geräusch und immer wenn ich das Geräusch gründlicher erkunden wollte, nahm ich lediglich das Seufzen des Windes, das Rascheln vom letzten Herbstlaub an Bäumen und das Murmeln eines halb versteckten Baches wahr. Ich wusste in diesem Augenblick, dass das Wesen, welches sich in der oberen Ecke des Zimmers aufhielt, kein bedrohliches, sondern ein wehmütig- trauriges Charisma besaß. Aber nicht ausschließlich, ein Touch von verbrauchtem Chi war ebenfalls in diese Empfindung gemischt.

Ein Ruck an meiner Hand lenkte mich von meinen Studien ab, das kleine Mädchen deutete auf das Fenster und ich sah ganz deutlich eine brennende Kerze im Fenster stehen. Es war mir in dem Moment klar, was das für mich bedeuten sollte. Solange diese Kerze brennen würde und das tat sie, mit einer ruhigen, geheimnisvoll- gedämpft leuchtenden Flamme, solange würde der Poltergeist in Schach gehalten werden. Und diese Erkenntnis schien das kleine Mädchen in meinem Traum zu beruhigen. Mit dem Bild der gleichmäßig brennenden Kerze im Fenster bin ich aufgewacht.