Montag, 10. Juni 2013

Die Büchse der Pandora im Secondhand Laden

Vor dem Haus, in dem ich einmal wohnte, stand ich auf der Straße. Ich hatte einen kleinen weißen Hund an der Leine und sah auf mein Handy. Das Haus steht heute nicht mehr, auch gab es zu dieser Zeit noch keine Handys. Ich telefonierte mit jemandem, der auf der Autobahn im Stau stand. Wir wollten zusammen essen gehen. Ich sollte in der Zwischenzeit ein Eis essen. Ich lief über die Straße, ging in einen Eisladen und kaufte mir eines. Das lief im Schnelldurchgang ab. Ich schaute die Straße hinauf, die sowohl im Traum, als auch in der Wirklichkeit ein starkes Gefälle hat. 

Ich schaute auf die vertrauten Häuserfassaden, im Traum sahen die Häuser noch genauso aus wie vor 30 Jahren. Die Straße war in meinem Traum nicht wie heute eine nichtssagende Häuserzeile und ich dachte mir wie gut es doch tut, an einen Ort zurück zu kehren, den man so vorfindet wie man ihn vor langer Zeit verlassen hat. Man kann Kraft tanken an dem Baum, der in einer Häuserlücke steht, den man hat wachsen sehen. Man bleibt vor einem abgebröckelten Mauerstück stehen und erinnert sich, was man vor langer Zeit genau an dieser Stelle gedacht bzw. empfunden hat, oder die zugige Ecke, die an die gelegentlichen Schwätzchen mit einer Nachbarin erinnert, all das ist wie heimkommen. In meinem Traum existierte sogar noch der alte Konsum, vor dem die Mülltonnen aus Metall standen, in die im Winter die Asche gekippt wurde, was bei Wind glühende Ascheteilchen durch die Straße wirbelte. 

Ich ging an offenen Hauseingängen vorbei und roch den typischen Geruch, den alte verwohnte Häuser verströmen, ich lief, bis ich an einem Ladeneingang ankam, der neu für mich war. Es war ein Secondhandshop. Es regnete plötzlich, also beschloss ich hinein zu gehen. Ich stieg also die beiden alten ausgetretene Stufen bis zum Eingang hinauf. Empfangen wurde ich von einem kleinen, weiß gefliesten Vorraum. Ringsum an den Wänden waren Kleiderstangen angebracht und daran hingen dicht an dicht die hässlichsten Klamotten, die man sich nur vorstellen kann, in den Farben eierschalenweiß bis grell orange. Schnallen und sonstige Accessoires aus den 70 gern machten die Abscheulichkeiten komplett. Der durchdringende chemische Geruch wurde von Lacklederhandtaschen verströmt. Linkerhand führten 2 weitere Stufen hinauf in den eigentlichen Laden. 

Der Fußboden war ausgelegt mit grauer Auslegware, die ihre beste Zeit längst hinter sich hatte. Es roch alles irgendwie schimmelig bis muffig. Auch hier waren die Wände dicht an dicht behangen mit Klamotten, diesmal waren es hässliche Männer Anoraks. Der düstere Gang, von etwa 1m Breite, führte ca. 6 m geradeaus. Links und rechts an den Wänden, unter den Klamotten, waren Bänke aneinander gereiht. Schulbänke aus der Sporthalle. Am Ende des Ganges lag ein Mann auf so einer Bank auf dem Rücken. Er war bekannt dafür den Frauen, die an ihm vorbei mussten, unter den Rock zu schauen. Ich hatte Hosen an, ich ging an ihm vorbei und sagte zu ihm, dass er ein Perverser ist. Ich bog links ab und dieser Gang sah ähnlich aus wie der erste, nur dass die Klamotten allmählich geschmackvoller wurden. Vor mir eröffnete sich ein Geviert, in dem ein junges Mädchen herum hüpfte. 

Sie trug einen sehr kurzen Rock und geringelte Strumpfhosen. Sie freute sich überschwänglich über einen Fächer aus Straußenfedern mit Strass. Sie sagte, das sie so etwas schon ewig gesucht hätte. Überall standen kleine Schränkchen und Kommoden herum, die mit allen möglichen Accessoires bestückt waren. Es waren sogar Puppenfächer dabei, allerhand Modeschmuckstücke und sonstiger Tand. Ich fand sogar die Büchse der Pandora, sie stand achtlos in einem Stapel anderer Büchsen und Kartons. Ich schaute mir alles an, bis eine andere Szene meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war eine alte schwangere Roma Frau, sie hatte ein geblümtes Kleid an. Sie war sehr korpulent und ungepflegt. Sie hatte ihre fettigen schwarz- grauen Haare unordentlich hochgesteckt und saß auf einem Stuhl neben einer vorsintflutlichen Kasse. Ich sah sie im Profil, sie sang das schönste Lied, was ich je gehört habe. Eigentlich hörte sich das, was sie sang nicht irdisch an, die Melodie ging auf direktem Wege in die Seele. 

Ich stand wie gebannt und schaute nach rechts. Hinter der Kasse befand sich ein flaches Regal mit Unterwäsche und Strümpfen. Neben dem Regal saß eine Asiatin auf einem wackeligen Barhocker, sie hat Socken zusammen geknäult. Ihr eh schon kurzer Rock war so weit hochgerutscht, dass man ihre Unterwäsche sehen konnte. Die Szene hatte dennoch nichts anstößiges, denn man schaute lediglich auf eine geblümte Kinderunterhose. Das Bemerkenswerteste aber war, dass die Asiatin, die hinter der Roma Frau saß, von der ich nun annahm, dass sie sie Ladeninhaberin sei, dieselben Mundbewegungen machte, wie die Roma Frau beim singen. Nur dass bei der Asiatin kein Ton herauskam. Sie saß nach wie vor beim Socken verknäueln in kindlich- unbekümmerter Haltung auf ihrem alten wackeligen Barhocker, in einer Mischung aus lautloser Karaoke und Pantomime. 

Ich sah staunend zwischen den beiden so unterschiedlichen Frauen hin und her und dachte mir, dass man der Roma Frau so viel stimmlichen Liebreiz gar nicht zutrauen würde, der Asiatin aber schon. Mir fiel ein, dass ich mich ja eigentlich nach etwas zum Anziehen umschauen sollte, wenn ich schon mal hier war, denn kein Traum währt ewig und ich wollte so viel wie möglich von dem Traumort sehen. Eine schöne Jacke zog meine Blicke magisch an, also ging ich in den nächsten Gang, der von 2 goldenen Cherubim Statuen "bewacht" wurde. Der Gesang der Roma Frau wurde immer leiser. Die Jacke war aus Seide, die in allen Regenbogenfarben schillerte. Es war eine Mischung aus College Jacke und Kimono, denn sie hatte unglaublich weite Ärmel. Ich wusste die Jacke kommt aus London. Schade, dachte ist, es wäre zwar genau meine Größe gewesen, aber die Farben waren einfach schon zu ausgewaschen. 

Die Jacke sah beim näheren hinsehen nicht mehr so schön aus wie auf den ersten Blick. Langsam schlenderte ich gen Ausgang und ich hoffte, dass der Regen aufgehört hatte. Ein prustendes Geräusch ließ mich zusammen fahren. Ich befand mich wieder im ersten Gang. Der Mann, der auf der Bank liegend den Frauen unter die Röcke geschaut hatte, so als wäre das seine Aufgabe, saß tropfnass, krebsrot, dampfend und prustend mit schreckgeweiteten Augen auf seiner Bank. Jemand hatte ihm heißes Wasser über das Gesicht geschüttet. Fröhlich ging ich Richtung Ausgang und mit einem Gefühl rechtschaffener Schadenfreude erwachte ich.